Ein Däne im Koreanischen Telegraphenamt

Ein Gastbeitrag von Michael Dirauf

Die ersten Telegraphenleitungen in Korea wurden im Auftrag der chinesischen Regierung von dem dänischem Ingenieur Henry Jessen Mühlensteth errichtet.[1] Henry Mühlensteth (weitere Schreibweisen: Muhlensteth und Muehlensteth) wurde am 17. Mai 1855[2] in Dänemark geboren[3] und begann seine Laufbahn 1873 beim dänischen Telegraphenamt, wo er ab 1876 als Telegraphist arbeitet. 1880 verließ er das dänische Telegraphenamt.[4]
Die Zeit zwischen 1880 und 1885 verbrachte er als Telegraphist der Great Northern Telegraph Company in Shanghai in China.[5] [6]
1885 wird Henry Mühlensteth von der chinesischen Regierung nach Korea geschickt, um die erste Telegraphenleitung im Land zu bauen[7] und trifft am 23. August 1885 in Korea[8] ein.

Bild von Henry Jessen Mühlensteth aus der Personalakte des dänischen Telegraphenamtes.
Quelle: ENIGMA – Museum of Communication.

Die erste Überlandleitung von Seoul nach Chemulpo, dem heutigen Incheon, wurde am 27. September 1885 fertiggestellt. Von Seoul wurde die Telegraphenleitung über Pjöngjang nach Wiju, dem heutigen Uiju, verlängert, wo diese an die Leitung Shanghai-Tientsin (Peking) angeschlossen wurde. Diese Leitung konnte am 20. November 1885 eröffnet werden. [9]

Die Telegraphenleitung von Seoul nach Busan wurde 1886 durch die koreanische Regierung geplant und am 8. Juli 1888[10] fertiggestellt. An den Planungen und dem Bau dieser Leitung nach Busan war neben Henry Mühlensteth auch der britische Journalist T. E. Hallifax, der als Englischlehrer in Korea arbeitete, beteiligt.[11][12]
Nach der Fertigstellung der Telegraphenleitung arbeitet Henry Mühlensteth weiterhin für die „Imperial Chinese Telegraphs“ als Traffic Manager und Ingenieur in Seoul.[13][14] [15]

Henry Jessen Mühlensteth (stehend vorne, 2. von links) zusammen mit Mitarbeitern des Telekom-munikationsbüros im Jahre 1904 vor dem Amtsgebäude in Seoul.  
Quelle: Library of Congress, USA.

Während des Japanisch-Chinesischen Kriegs 1894/1895 wurde die Telegraphenleitung, die zum Teil zerstört waren, vom japanischen Militär übernommen. Henry Mühlensteth versuchte, das Eigentum der „Imperial Chinese Telegraph Administration“ so gut wie möglich instand zu halten. Er wurde jedoch von den Japanern gefangen genommen und musste sich für die Dauer des Krieges von Korea fernhalten.[16]

Nach dem Krieg wurde das Telegraphennetz an die koreanische Regierung übergeben. Nach der Rückgabe wurde Henry Mühlensteth wohl zum Direktor des Koreanischen Telegraphenamts berufen.[17] Parallel war er im Auftrag des Königs Gojong von 1896 bis 1905 als Lehrer an der Verwaltungsschule tätig, wo er elektrische Telekommunikation unterrichtete.[18] Dr. Richard Wunsch schreib, dass er den Silvesterabend 1901/1902 in Seoul beim deutschen „Konsul mit dem deutschem Lehrer Bolljahn und einem Dänen, der Direktor des Telegraphenvereins ist, gefeiert“ hat.[19] Dokumentiert ist eine Verlängerung seiner Berufung im September 1902.[20] Auf Verwendung des russischen Gesandten Pawlow wird im Januar 1902 Henry Mühlensteth zusätzlich zum stellvertretender Berater des Außenministeriums der koreanischen Regierung und im Juni zum Mitglied des Staatsrats ernannt. Henry Mühlensteth ist zu dieser Zeit russischer Schutzgenosse.[21][22][23]

Schreiben von Henry Mühlensteth aus Seoul an die Zeitschrift „Better Fruit“ vom 18.4.1909.
Quelle: Zeitschrift „Better Fruit“ vom Oktober 1910, Seite 31.

Am 21. September 1904 wurden drei Koreaner durch japanische Soldaten exekutiert.[24] Diese Exekution wurde mit dreizehn Fotos von Henry Mühlensteth dokumentiert.[25] Dazu schrieb Dr. Richard Wunsch in einem Brief an seine Eltern: “… aber übel genommen wird den Japanern sehr, daß sie aus der Sache eine Art öffentliche Vorstellung gemacht haben und sich von zwei Photographen während der Prozedur mehrfach in Pose haben photographieren lassen. Kaltblütiger kann man eigentlich niemanden exekutieren. Die Photographien sind zu kaufen.“ [26]

Nach dem Russisch-Japanischem Krieg wurde das Telegraphenamt im Zusammenhang mit dem Kommunikationsabkommen zwischen Korea und Japan im Jahr 1905 unter japanische Aufsicht gestellt, die koreanische Verwaltungsschule geschlossen und Henry Mühlensteth gezwungen, in den Ruhestand zu treten.[27] Im März 1905 meldete die Zeitschrift „The Korea Review“, dass „J. H. Mühlensteth seine Position beim Telegraphenamt niedergelegt hat und bald nach Hause abreisen wird.[28]

Henry Mühlensteth reiste jedoch nicht aus Korea ab und blieb in Seoul. Er übte seinen Beruf als Elektrotechniker aus und arbeitete wohl im Auftrag britischer Firmen für das Telekommunikationsgeschäft.[29] In dem Buch „The Directory & Chronicle for China,…“ von 1908 und 1910 ist unter dem Wohnort Seoul „H. J. Mühlensteth“ ohne Berufsbezeichnung aufgelistet.[30]

Am 17. Februar 1915 starb Henry Mühlensteth in Seoul im Alter von 59 Jahren und wurde auf dem Ausländerfriedhof in Seoul, dem heutigen Yanghwajin Foreign Missionary Cemetery, beerdigt.

Grabstein von Henry Jessen Mühlensteth auf dem Ausländerfriedhof (Yanghwajin Foreign Missionary Cemetery) in Seoul, Südkorea.    
Quelle Foto: Chris Nelson.

Anmerkung 1: 1879 war bei der Great Northern Telegraph Company in Shanghai ein J. A. Mühlensteth als Schreiber tätig. [31] Ob er mit Henry Mühlensteth verwandt war, konnte nicht festgestellt werden.
Anmerkung 2: 1899 war bei der Imperial Chinese Telegraph Administration in Tientsin ein H. Muhlensteth als Ingenieur tätig, der mit „Foochow“, dem heutigen Fuzhou, im Adressbuch gekennzeichnet war.[32] Ob er mit Henry Mühlensteth verwandt war, konnte nicht festgestellt werden.

Quellenangaben

[1] Allen, Horace N.: A chronological Index. Methodist Publishing House. Seoul 1901. Seite 18.

[2] Grabstein von Henry Jessen Mühlensteth in Seoul, Südkorea bei https://www.findagrave.com/memorial/79469418/henry_jessen-muhlensteth abgerufen am 14.12.2020.

[3] Das Geburtsdatum auf dem Grabstein (1855) und auf dem Foto der Porträtdatenbank des Post & Tele Museum Danmark (1854) sind unterschiedlich.

[4] Porträtdatenbank des Post & Tele Museum Danmark. http://person.ptt-museum.dk/person/2184/s:M%C3%BChlensteth/ abgerufen am 14.12.2020.

[5] The Directory & Chronicle for China, … for the Year 1884, Seite 394.

[6] The Directory & Chronicle for China, … for the Year 1885, Seite 166, 400.

[7] Hulbert, Homer B.: The Korea Review Volume 2. Methodist Publishing House. Seoul 1902. Seite 397.

[8] https://www.injurytime.kr/news/articleView.html?idxno=11819 abgerufen am 11.12.2020.

[9] Allen, Horace N.: A chronological Index. Methodist Publishing House. Seoul 1901. Seite 18.

[10] Allen, Horace N.: A chronological Index. Methodist Publishing House. Seoul 1901. Seite 22.

[11] http://contents.history.go.kr/mobile/nh/view.do?levelId=nh_039_0030_0050 abgerufen am 11.12.2020.

[11] Allen, Horace N.: A chronological Index. Methodist Publishing House. Seoul 1901. Seite 22.

[13] The Directory & Chronicle for China, … for the Year 1889, Seite 494.

[14] The Directory & Chronicle for China, … for the Year 1892, Seite 70 und 605.

[15] The Directory & Chronicle for China, … for the Year 1894, Seite 73.

[16] Larsen Kirk W.: Tradition, Treaties, and Trade: Qing Imperialism and Chosŏn Korea, 1850–1910. 2008. Seite 239.

[17] The Directory & Chronicle for China, … for the Year 1899, Seite 94.

[18] https://www.injurytime.kr/news/articleView.html?idxno=11819 abgerufen am 11.12.2020.

[19] Claussen-Wunsch, Gertrud: Dr. med. Richard Wunsch. Arzt in Ostasien. Krämer Verlag. Büsingen/Hochrhein 1976. Seite 93.

[20] Hulbert, Homer B.: Seite 413.

[21] Hulbert, Homer B.: Seite 29 und 267

[22] Krahmer: Die Beziehungen Russlands zu Japan (mit besonderer Berücksichtigung Koreas). Leipzig 1904. Seite 212.

[23] The Directory & Chronicle for China, … for the Year 1905, Seite 116, 118 und 979.

[24] Hankyoreh, Newly-discovered report details 1904 execution of Korean civilians by Japanese military, Sep.9,2008 14:49 KST. http://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_national/309309.html abgerufen am 14.12.2020.

[25] Barclay, Paul D.: Corporal Punishment in Early-Twentieth-Century Japanese Visual Culture. Volume 6, Issue 2: Difficult Histories, Spring 2016. http://hdl.handle.net/2027/spo.7977573.0006.204 abgerufen am 14.12.2020.

[26] Claussen-Wunsch, Gertrud: Dr. med. Richard Wunsch. Arzt in Ostasien. Krämer Verlag. Büsingen/Hochrhein 1976. Seite 195.

[27] https://www.injurytime.kr/news/articleView.html?idxno=11819 abgerufen am 11.12.2020.

[28] Hulbert, Homer B.: The Korea Review Volume 5. Methodist Publishing House. Seoul 1905. Seite 118.

[29] Journal “The Electrician”, Band 56, 19. Januar 1906.

[30] The Directory & Chronicle for China, … for the Year 1910, Seite 714

[31] The Directory & Chronicle for China, … for the Year 1879, Seite 132.

[32] The Directory & Chronicle for China, … for the Year 1899, Seite 123.


Gastautor Michael Dirauf
(geb. 1956) schließt 1981 das Studium der Elektrotechnik an der Fachhochschule Coburg als Diplom Ingenieur (FH) ab. Vom Herbst 1982 bis zum Herbst 1985 lebt und arbeitet er mit kurzen Unterbrechungen in Korea. Nach der Rückkehr gilt sein Interesse vor allem den historischen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Korea und Deutschland und er entdeckt so umfangreiches Material über eine deutsche Goldmine in Korea. Das Ergebnis seiner Recherchen legt er in seinem Buch vom Goldrausch in Korea vor.


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